Aktuelles
Der Integrationsgipfel am 12.07.2007 hat dem Erlernen der deutschen Sprache einen zentralen Platz zugewiesen. Der Ausbau der Integrationskurse und der Beginn der Sprachförderung bereits in Kindertagesstätten sollen wichtige Integrationsmaßnahmen der nächsten Jahre sein.
„Für mehr Integration: Sprache fördern, Bildung verbessern“ lautet die Überschrift einer Mitteilung von „Regierung online“ vom 11.07.2007.
Die Deutschförderung für Kinder nicht-deutscher Erstsprache stärker in den Vordergrund rücken zu lassen, ist sicherlich eine der wichtigsten und nachhaltigsten Maßnahmen, um den Integrationsprozess zu fördern. Doch welche Aspekte müssen dabei besonders berücksichtigt werden, will man den individuellen und familiären Migrationserfahrungen dieser Kinder gerecht werden?
Aus meiner langjährigen Sprachförderarbeit mit den Kindern, den Kontakt zu ihren Eltern und den Fortbildungen von pädagogischen Fachkräften möchte ich folgende Aspekte besonders betonen:
1. Erst fördern, dann testen
Kindern nicht-deutscher Erstsprache fehlt zwangsläufig die häusliche Kommunikation in der deutschen Sprache. Deshalb sollte ihnen verstärkt eine Regelförderung im Deutschen zukommen. Einer Sprachförderung Sprachstandserhebungen vorzuschalten macht bei kindlichen Bildungsprozessen wenig Sinn. Hier gilt: Erst fördern, dann testen. Denn: Sprachstandserhebungen zeigen dann Ergebnisse auf, wenn es auch etwas zu erheben gibt.
2. Spracherwerb benötigt Zeit
Je früher Kinder nicht-deutscher Erstsprache gefördert werden, umso besser gelingt ihr Schulstart. Bei Schuleintritt sind ihre Deutschkenntnisse dann tatsächlich vergleichbar mit denen von Kindern deutscher Erstsprache. Eine Chancengleichheit kann ernsthaft in Betracht gezogen werden.
Allerdings gilt auch: Eine frühe Deutschförderung muss auch Lernprozessen in früher Kindheit gerecht werden. Bei Kindern unter 3 Jahren wird es sicherlich verstärkt darum gehen, sie für Kommunikation auf Deutsch überhaupt zu sensibilisieren, die Kinder spielerisch auf das Deutsche einzustimmen und ihnen in einer 1:1-Interaktion erste kommunikative Erfahrungen auf Deutsch zu ermöglichen.
Dies bedeutet in der Konsequenz, bildungspolitisch zu begreifen, dass Spracherwerb Zeit benötigt. Kurzfristig angelegte Deutschkurse, auch wenn sie gut gemeint sind, werden niemals die intensive langfristige Deutschförderung im oben genannten Sinne ersetzen können.
3. Das UN-Kinderrecht auf Bildung und die institutionelle Öffnung gegenüber Mehrsprachigkeit
Eine große Anzahl an Kindern wächst in Deutschland mehrsprachig auf. Diese mehrsprachige Realität muss ernst genommen werden. Wenn das Recht auf Bildung, das zu den grundlegenden UN-Kinderrechten gehört, bildungspolitisch ernst genommen wird, dann kann eine institutionelle und vor allem schulische Öffnung gegenüber Mehrsprachigkeit nicht mehr in Frage gestellt werden.
Die Kinder, denen eine frühe Deutschförderung nicht zukommen kann, müssen das Recht haben, an ihrem Sprachwissen, an ihrem evtl. bereits vorhandenen schulischen Wissen und an ihren bereits erworbenen kognitiven Fähigkeiten anknüpfen zu können.
Denkt man an Kinder, die während des Schuljahres nach Deutschland ziehen und die so schnell wie möglich beschult werden müssen, ist diese Forderung umso wichtiger. Hier muss eine Regelung gefunden werden, nach der die Kinder eine Förderung im Deutschen durch eine Lehrperson bekommen, die zumindest Grundkenntnisse in ihrer Erstsprache hat.
Eine solche Regelung gewährleistet im Übrigen den Unterrichtsfortschritt der gesamten Klasse: Die zur Verfügung stehende Lehrzeit wird durch eine solche Binnendifferenzierung für jedes Kind effektiv und sinnvoll genutzt.
4. Die Förderung der Mehrsprachigkeit und der interkulturelle Bildungsprozess
Der Integrationsprozess von Kindern und Eltern ist ein interkultureller und mehrsprachiger Bildungsprozess. Was heißt dies für die Deutschförderung?
Der Einbezug der Erstsprachen in den kindlichen Erwerbsprozess des Deutschen bewirkt eine emotionale Öffnung der Eltern in Bezug auf das Deutsche und die Gesellschaftswirklichkeit in Deutschland. Erfährt die Familiensprache eine systematische Wertschätzung und Anerkennung, in dem sie gefördert wird, so kann auf dieser Grundlage auch die Integration der Eltern voranschreiten. Der Integrationsprozess ist eröffnet.
Ein wesentlicher Beitrag der Eltern zur Integration ihrer Kinder besteht also darin, ihre Erstsprache in den Lernprozess der Kinder einzubringen.
5. Wertschätzung jedes Individuums - Wertschöpfung für die gesamte Gesellschaft
PISA und der internationale Vergleich schulischer Leistungen haben gezeigt, dass Einwanderungsländer, die auf eine gemeinsame Beschulung aller Kinder setzen, auch Erfolg damit haben. Schulabgänger erreichen einen Schulabschluss und eine berufliche Qualifizierung, mit der sie einen volkswirtschaftlich produktiven und nachhaltigen Beitrag leisten können. Eine alternde Gesellschaft wie die deutsche tut gut daran, das Potential von Menschen mit Migrationserfahrungen zu erkennen und zu nutzen - unabhängig von ihrem Alter. Hier gilt: Die Wertschätzung eines jeden Individuums bedeutet eine Wertschöpfung für die gesamte Gesellschaft.